Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber es lohnt sich nicht.
Heinz Rühmann
Der neugeborene Hund muss in seinen ersten Lebenswochen eine Entwicklung von der "Fresswalze" zum jungen Hund hinter sich bringen. Bei der Geburt sind nur Tastsinn und Wärmeempfinden vorhanden. Die restlichen Sinne entwickeln sich erst während der ersten zwei Lebenswochen, der neonatalen Phase. Die Welpen verbringen diese Zeit im Wesentlichen mit Fressen, Schlafen und Wachsen.
In der anschließenden Übergangsphase, die etwas eine Woche dauert, findet eine rasche Entwicklung der Sinne statt. An erster Stelle der Geruchssinn, der schließlich der Hauptsinn der Hunde ist. Die Augen und äußeren Gehörgänge öffnen sich und kurz danach kann der Welpe erste Sinneseindrücke von seiner Umwelt, vor allem seinen Wurfgeschwistern, wahrnehmen. Jetzt verlassen die Welpen auch zum ersten Mal die Wurfhöhle.
Dieser Zeitraum, vom ersten Verlassen der Höhle bis zum Ende der 7.Lebenswoche umfasst die Sozialisierungssphase. In dieser Zeit lernt der Welpe, was ein Hund ist, dass er auch ein Hund ist, und in welchen verschiedenen Erscheinungsformen „Hunde“ sonst noch auftreten. In dieser Phase wird der junge Hund auf seine zukünftigen Sozialpartner geprägt. Hat er viel sozialen Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen, wird er sich wahrscheinlich zu einem sehr umgänglichen Hund entwickeln. Lebt er jetzt ausschließlich unter Schafen, wird er ein vorzüglicher Herdenschutzhund. Denn jetzt findet die Prägung auf die zukünftigen Sozialpartner statt. Tiere (und auch Menschen) mit denen der Hund jetzt Kontakt hat, werden später als Bindungspartner gesucht. In diesem Entwicklungsstadium ist es wichtig, dass der Hund in einer ansprechenden, im Wortsinn reizvollen Umwelt lebt, denn alles, was er an Sinneseindrücken jetzt nicht kennen lernt wird ihn später womöglich ängstigen und zu einem sozial schwer verträglichen Hund werden lassen.
Außerdem unterliegt auch das Gehirn einem Entwicklungsprozess. In der neonatalen Phase unterscheiden sich die im EEG dargestellten Gehirnströme im Schlaf nicht vom Wachzustand. Die Gehirnzellen eines neugeborenen Welpen sind kaum vernetzt und nicht myelinisiert. Die Myelinschicht ist quasi die Isolierung der elektrischen Leitungsbahnen der Neuronen und ermöglicht eine (sehr) schnelle Reizweiterleitung. Ohne Myelinschicht reagiert der Welpe auf Reize daher mit starker Verzögerung - ähnlich wie ein Seestern. Die Nervenzellen müssen außerdem miteinander verbunden werden, damit ein leistungsfähiges Gehirn entsteht. Diese Verbindungsstellen sind die Synapsen, die sich während geistiger Aktivität oder eben des Lernens entwickeln. Je stärker die Neuronen miteinander vernetzt sind, desto leistungsfähiger ist das Gehirn. Damit der Welpe kein "dummer Hund" wird, braucht sein Gehirn also viel Input.
An die Prägungsphase schließt sich die Sozialisierungsphase an, die bis zum Ende des dritten Lebensmonats dauert. Während dieser Periode findet die Einordnung der Welpen in die soziale Struktur des Rudels, bzw der Familie statt. Im Wildhundrudel würde nun der Vater die „Erziehung“ der Welpen übernehmen, in der sie lernen, die sozialen Verhaltensregeln des Rudels anzuwenden. Für einen Familienhund ist es wichtig, dass auch er im Welpenalter eine konsequente Erziehung genießt. Doch das ist noch nicht alles. Der Hund braucht während der Sozialisierungsphase auch ausgiebig soziale Kontakte zu Artgenossen wie zu Menschen, damit er später zu einem umgänglichen Gefährten für Mensch und Hund heranwächst.
In der darauf folgenden Rudelordnungsphase lernt der Hund seinen Platz in der Rangordnung und seine Aufgaben in der Teamarbeit des Rudels zu finden. Hunde kennen keine Demokratie und leben auf jeden Fall ineinem hierarchischen Verband. Wenn der Mensch es versäumt, die Führungsrolle zu übernehmen, wird das zwangsläufig der Hund tun, und damit ist er hoffnungslos überfordert. Es ist die wichtigste Aufgabe des Menschen in der Hundeerziehung, eine Autorität zu entwickeln, die der Hund mit Begeisterung und bedingungslos anerkennt. Erst dann entwickeln sich beide zu einem guten Team.
(Eine ausführliche Beschreibung der Welpenentwicklung findet sich in vielen Hundebüchern. Ganz besonders schön hat es nach meinem Empfinden
Mit dem Hund auf du: Zum Verständnis seines Wesens und Verhaltens
beschrieben. In Die Sinne des Hundes: Wie die Hunde ihre Umwelt wahrnehmen
ist die Entwicklung der Sinne des Welpen beschrieben.