Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber es lohnt sich nicht.
Heinz Rühmann
Wenn Hunde Kummer bereiten, leiden sie auch selbst oft an welchem...
Manchmal zeigen Hunde problematisches Verhalten. Oft kann man es nicht direkt auf ein bestimmtes Erlebnis zurückführen, dass eventuell eine Konditionierung ausgelöst hat und dem man mit Methoden der Verhaltenstherapie wie Gegenkonditionierung, Habituation oder Desensibilisierung begegnen kann.
Häufiger als man denkt können medizinische Ursachen dem Problemverhalten zu Grunde liegen. Deswegen ist eine tierärztliche Untersuchung die allererste Maßnahme. Erst wenn man sicher ist, dass der Hund organisch gesund ist, kann man über "psychische" Auslöser nachdenken.
Um diese besser erfassen zu können, möchte ich kurz den "Sollwert" des Hundelebens aufzeichnen. Wie ist er programmiert? Was erwartet er von seiner Umwelt?
Der Hund lebt in einem sozialen Verband, dem Rudel mit hierarchischer Struktur. An der Spitze des Rudels steht ein Rudelführer. Der hält diese Position inne, weil er ruhiges und souveränes Verhalten zeigt, nicht weil er der Stärkste ist oder am lautesten brüllt.
Kann Fido einen Rudelführer identifizieren - prima. Wenn nicht, nimmt er die Position halt selbst ein. So ist er eben gestrickt. Daneben bin ich persönlich davon überzeugt, dass manche Hunde einfach dominant sind und zur Spitze streben. (Auch wenn sich dass in der modernen Hundepsychologie nicht mehr schickt.) Der Grund mag sein, dass sie einfach deutlichere Signale von ihrem Rudelführer brauchen?
Hat Fido einen Führer, folgt er ihm und ordnet sich unter, auch wenn seine eigenen Bedürfnisse nicht unbedingt befriedigt werden. In diesem Fall sammelt er sie halt in seinem Frusttöpfchen.
Gesellschaft steht auf der Hitliste der Hunde ganz oben. Und wenn er in einem inaktiven "Rudel" lebt, muss er eben Kompromisse eingehen. Alleine aktiv sein oder mit dem Rudel ruhen? Fido fügt sich und erträgt die Langeweile.
Langeweile ist Unterstimulation und kann genauso wie Überstimulation zu Stressreaktionen führen und Stress kann oft der Auslöser für Aggressionen sein. Auch Frustration verursacht Stress und Aggression.
Konflikte können ebenfalls zu Verhaltensstörungen führen. Ein solcher Konflikt kann zum Beispiel durch inkonsequentes Verhalten des Führers entstehen. Ein bestimmter Reiz muss zuverlässig ein bestimmtes Verhalten anzeigen - eben auch des Menschen. Wenn der Hund auf Zuruf kommt und manchmal dafür gelobt wird, manchmal aber für einen mehr als zwei Sekunden zurückliegenden Fehler (und in diesem Szenario dürfte das immer der Fall sein) bestraft wird, weiß er nicht, was ihn erwartet und diese Unsicherheit kann Problemverhalten nach sich ziehen.
Was braucht ein Hund also für ein richtiges Hundeleben? Ein Rudel, einen konsequenten Führer und das richtige Maß an Stimulation.
Körperliche Aktivität ist ein ganz wichtiger Faktor, lange - wirklich lange - Spaziergänge und Hundesport für besonders aktive Fidi. Agility und Dogdancing sind vielleicht gar nicht so doof… Aber auch Kopfarbeit ist wichtig. (Wobei ich nicht leugnen möchte, dass der Kopf ebenfalls zum Körper gehört.) Hunde sind Nasentiere, ein aus unserer Perspektive überdimensional großer Bereich des Gehirns ist der Geruchswahrnehmung gewidmet. Das ausgiebige Schnüffeln am Laternenpfahl seiner Wahl muss deshalb erlaubt sein, auch wenn's mal wieder länger dauert…
Und Denkarbeit. Unsere Hunde sind permanent unterfordert. Nie gibt es Probleme zu lösen, Das Futter erscheint pünktlich im Napf, wenn mal was nicht klappt springt der Mensch schnell ein - nachdem er auf Fidos Hundeblick reingefallen ist. Probleme lösen und kleine Aufgaben lernen, Kunststücke oder sonst was, ist ungemein wichtig. Je mehr Stimulation das Gehirn erhält, desto besser. Der Einsatz von Intelligenzspielzeug ist eine gute Methode, Fidos Kopf so richtig zum rauchen zu bringen…
Hunde leben in einer Hierarchie und einer ist der Führer. Wenn der Hund keinen Führer erkennen kann, versucht er eben, die Rolle selbst zu übernehmen. Manche Leute - auch Experten - fragen sich, warum er diese Position anstreben sollte, weil sie doch nur mit Stress und Arbeit verbunden ist. Nanu??? Gab es nicht in grauer Vorzeit einen sehr triftigen Grund Chef zu sein? Das Privileg der Fortpflanzung? Im Wildhunderudel haben nur die Alphatiere Nachkommen. (Eventuell mogelt sich ein rangniedriger Rüde mal durch, rangniedrige Weibchen fliegen aber auf jeden Fall auf…)
Egal ob er nach oben strebt oder den Posten nur zwangsweise annimmt. Es ist Aufgabe des Menschen zu verhindern, dass Fido sich auf dem Chefsessel breit macht.Wie übernimmt man die Rudelführung?
Ich denke in erster Linie Ruhe und Sicherheit. Das ist das Wichtigste. Man darf auch in schwierigen Situationen nicht die Nerven verlieren. Das ist gar nicht einfach. Da steckt viel Arbeit drin. Man muss wirklich ruhig sein. Schauspielern ist nicht - das merkt Fido. Spürt er Angst oder Panik am anderen Ende der Leine, muss er sich selbst helfen und tut eventuell genau das, wovor sein Mensch Angst hat. Ein Teufelskreis. Wahrscheinlich träumt Fido auch nicht von einem ängstlichen Führer.
Aggressives, wütendes Auftreten in "Krisensituationen" interpretiert der Hund außerdem als Schwäche. Und wer will einen schwächlichen Führer? Fido nicht.Was macht einen guten Rudelführer aus?Er braucht einfach nur jemanden, von dem er denkt, du bist prima, weißt immer was zu tun ist, tust mir nichts, du darfst Führer sein. Das ist der Punkt. Mit Gewalt wird man sich nie an die Spitze setzen.
Einige - oder alle? - Hundetrainer verbreiten zurzeit die Theorie, dass zwischen Hund und Mensch keine Rangordnung besteht. Sie begründen das damit, dass alle Erkenntnisse über die Ethologie des Hundes aus innerartlichen Untersuchungen stammen. Und das gilt angeblich nicht für den Umgang mit dem Menschen.
Wenn wir also keine Rangordnung haben - wie begegnen wir uns dann? Auf Augenhöhe? In einer Demokratie? "Fido, ich möchte eigentlich nicht, dass du den Briefträger fetzt, aber es ist gut dass wir darüber gesprochen haben?" Ich meine, das geht nicht. Das geht nie. Auch wir leben in einer Hierarchie und oft gilt mehr, was Hinz sagt, als die Worte von Kunz - auch wenn Kunz recht haben sollte.
Im Umgang mit Hunden verwenden wir selbstverständlich Verhaltensmuster aus unserem Verhaltensrepertoire und interpretieren die Signale des Hundes nach unserem Vokabelbuch: mensch. Der Hund hat ebenfalls eine Vorstellung davon, in welcher sozialen Struktur er leben will oder soll, und alles, was er erlebt, interpretiert er nach diesem Muster: hund. Wir machen es schließlich nicht anders.
Auch Hunde leiden unter unserer Zivilisationskrankheit Stress. Umwelteinflüsse wie zB laute Geräusche oder dichtes Menschengewühl, Demotivation und Frustration durch negative Erfahrungen, Unsicherheit und Angst, "Nicht verstanden werden" lösen bei auch bei Fido Stress aus.
Viele Hunde stehen unter starkem Erfolgsdruck durch eine zu hohe Erwartungshaltung ihrer Menschen. Und das macht Stress. Hunde sind Gewohnheitstiere und lieben Regeln, an denen sie sich orientieren können. Hunde schätzen "Rudelführer", dem sie vertrauen können (auch wenn sie das wahrscheinlich nicht wissen...). Wenn der Mensch hier versagt, muss der Hund die Sache selbst in die Hand bzw ins Maul zu nehmen. Dann geraten Hunde genau wie Menschen unter Stress und reagieren darauf wie wir mit Angst und Aggression.
Die natürliche Funktion von Stress ist den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzten und möglichst viele Kräfte zu mobilisieren. Der Blutdruck steigt, die Atmung wird beschleunigt, der Blutzuckerspiegel steigt (Glucose liefert schnellste Energie für Kampf oder Flucht) All das wird von stammesgeschichtlich alten Gehirnregionen gesteuert und die Großhirnrinde, in der (auch Fidos kleiner) Verstand sitzt, hat Pause. Bei hohem Stresspegel ist es deshalb unmöglich, rational zu denken. Fido kann gar nicht reagieren, wenn sein Mensch jetzt irgendwas von ihm will.
Adrenalin und Noradrenalin aus der Nebennierenrinde sind die Hormone, die diese kurzfristige, akute Stressantwort auslösen. Bei Stress werden auch Endorphine freigesetzt. Das sind körpereigene Glückshormone, die ein Glücksgefühl auslösen und die Schmerzwahrnehmung reduzieren. Sie können auch süchtig machen. Dadurch wird die durch Stress ausgelöste Aggression zu einem selbstbelohnenden Verhalten und deswegen ist es wichtig, aggressionsauslösende Situationen zu vermeiden.
Mit gelegentlichem Stress kann der Körper relativ gut umgehen. Wenn der Körper wieder zur Ruhe kommt, werden die Stresshormone vollständig abgebaut und der Stress ist weg.
Von der Natur geplant war, dass die Stresssituation rasch zu einem Ende kommt. Ist das nicht der Fall, weil Stressoren langfristig einwirken und nicht genug Zeit zum Erreichen des Ruhezustandes da ist, entsteht Langzeitstress. Der ist wirklich böse - nicht nur für Fido. Cortison ist das Langzeitstresshormon. Sein Blutspiegel ist bei Langzeitstress erhöht. Bei Dauerstress folgt Stressgipfel auf Stressgipfel und der Ruhezustand wird nicht mehr erreicht. Kurzfristige Stresssymptome wie erhöhter Blutdruck und Blutzuckerspiegel üben eine Dauerwirkung aus.
Gestresste Hunde zeigen vielfältige körperliche Symptome.
Lesetipp: Stress bei Hunden von Martina Nagel
Hunde sind zwar soziale Tiere, die sich in der Gesellschaft von Artgenossen oder eben ihren Menschen wohl fühlen, es kommt aber auch im Wildhunderudel vor, dass einer mal allein auf Streiftour geht…wenn er dann zurückkommt, wird er von den anderen beschnuppert und erzählt dabei, wo er sich rumgetrieben hat. Mir passiert das regelmäßig, wenn ich vom Einkaufen nach Hause komme.
Zurückgelassen werden steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Das ist für so hoch soziale Tiere wie Hunde eine stark aversive Situation - wenn sie es nicht gewohnt sind.
Jeder Hund hat aber Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen, denn für Welpen ist es selbstverständlich, dass die Mutter sich von Zeit zu Zeit entfernt, um ihren "Geschäften" nachzugehen. Im Rahmen einer erfolgreichen Welpenerziehung muss man deshalb darauf achten, dass diese Gewohnheit nicht verloren geht und einfach, den Welpen gelegentlich alleine lassen.
Wenn ein Hund nicht vom Welpenalter an das Alleinsein gewöhnt wurde und viel Zeit im engen Kontakt mit seinen Menschen verbringt, kann "Fido allein zu Haus" durchaus ein Problem haben. Vor allem Hunde, die viel Aufmerksamkeit von ihren Menschen fordern, reagieren, wenn sie allein gelassen werden relativ häufig mit Trennungsangst.
Trennungsangst bezeichnet im Grunde die Aufregung über den Verlust des Rudels. Der Hund ist überaktiv, jault und bellt, zerstört Gegenstände und verunreinigt das Haus obwohl er sonst stubenrein ist. Und es ist auch, wie der Name schon sagt, eine Angstkomponente enthalten. All diese Aktivitäten, die als Übersprungshandlungen anzusehen sind, befreien den Hund nicht aus seiner Stresssituation, und erhöhen dadurch seine Frustration noch mehr. Ein sich selbst verstärkender Prozess.
Trennungsangst darf nicht mit Zerstörungswut aus Langeweile verwechselt werden. Diese setzt erst ein, wenn der Hund eine zeitlang alleine war. Die Symptome der Trennungsangst sieht man eventuell schon vor den Aufbruch, weil der Hund gelernt hat, die Zeichen, die das Weggehen des Menschen ankündigen, zu deuten.
Zur Verschlimmerung des Problems kann es kommen, wenn das Verhalten unbeabsichtigt verstärkt wird, z.B. wenn man zufällig gerade nach Hause kommt, wenn Fido abhaust. Das ist dann eine extrem starke Belohnung, also: dranbleiben, Fido… Oder auch, wenn Unbeteiligte versuchen, den Hund zu trösten und ihm dadurch Belohnung verschaffen.
Man kann auch einem "alten Hund" neue Tricks beibringen. Im Rahmen einer Desensibilisierung kann Fido sich an das Alleinsein gewöhnen. Ganz langsam.
Wichtig ist, dass der Hund der Therapiezeit NIEMALS allein gelassen wird sondern nur während der Sitzungen. Im Prinzip lernt er das Alleinsein zuerst in Gesellschaft (ich weiß, klingt paradox) und nur für ganz kurze Zeitspannen. Die Zeit wird immer länger und die Gesellschaft entfernt sich immer mehr…
Zuerst lernt er, alleine zu sein während sein Mensch sich in der Wohnung aufhält. Man bleibt mit ihm im Zimmer und der Hund lernt, sich an einem bestimmten Ort ruhig zu verhalten. In späteren Trainingsphasen verlässt man kurz den Raum, lässt sie Tür aber offen. Später schließt man die Tür nach jedem Hinausgehen. Noch später verlässt man das Haus um sofort, nach wenigen Minuten, zurückzukehren. Nicht schummeln, sondern wirklich weg gehen - Fido merkt das!!! Man kehrt nach unregelmäßigen Zeitabständen zurück, damit der Hund nie weiß, wie lange es dauert.
Im Idealfall bleibt er ruhig, bis er aus der Situation geholt wird. Deswegen die Zeitspannen nicht zu lange wählen, aber langsam steigern. Fängt er doch an zu jammern, muss man eine Stufe zurück und weiter üben.
Das erwünschte ruhige Verhalten muss man loben, wenn man zurückkommt, aber keine Begrüßungszeremonie veranstalten. Merkt man, dass Fido schon ausgerastet ist, solange warten, bis er sich ruhig verhält, und erst dann reinkommen. Auf keinen Fall das unerwünschte Verhalten verstärken.
Bestimmt hilft es auch, wenn man dem Alleinsein einen positiven Aspekt beimischt, z.B ein Lieblingsspielzeug nur dann zur Verfügung steht. Grundsätzlich muss der Hund auch lernen, dass er nicht immer alles kriegt und dass sein Mensch ihm nicht ununterbrochen zur Verfügung steht.