Wer ist Fido?

Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber es lohnt sich nicht.
Heinz Rühmann

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Kognitive Fähigkeiten

Hunde haben erstaunliche kognitive Fähigkeiten, mit denen sie zum Teil Menschenaffen und Kleinkinder übertreffen. In einem Satz zusammengefasst kann man sagen, dass Hunde Meister der sozialen Intelligenz sind, ausgezeichnete Humanethologen sozusagen, aber nur minder begabte Physiker, denn von ihrer unbelebten Umwelt verstehen sie nicht viel.

Das ist eine knappe Zusammenfassung meiner Lieblingsexperimente aus Der kluge Hund: Wie Sie ihn verstehen können. Wer sich dafür interessiert, was in den Köpfen unserer Hunde vorgeht, dem sei auch Wenn Hunde sprechen könnten ...: Verstand und Verstandesleistung von Hunden ans Herz gelegt. Neben fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen beschreibt Vilmos Csanyi viele Anekdoten aus dem Zusammenleben mit seinen Hunden. Und wäre Herr Csanyi nicht ein angesehener Wissenschaftler - viele seiner Forschungsarbeiten werden im "klugen Hund" beschrieben - ich würde ihm kein Wort glauben...
Und noch ein Lesetipp: Die einzigartige Intelligenz der Hunde von Alwin Scönberger. Es ist ein bisschen aktueller als der kluge Hund, beschreibt auch die Aktivitäten anderer Forchergruppen, liest sich wunderbar, ist auch ein bisschen umfassender, behandelt zum Beispiel auch kurz die neuen Theorien - oder Erkenntnisse - zur "Hundwerdung".

Was wissen Hunde über das Sehen?

Weiß Fido wann und ob sein Mensch ihn sehen kann, er dessen Aufmerksamkeit hat und deshalb lieber ganz brav sein sollte?

Das verbotene Futter, dass in der Zimmermitte liegt, nimmt er jedenfalls nur selten, wenn der Mensch ihn beobachtet, aber häufiger wenn der Mensch abgelenkt ist oder auch nur die Augen geschlossen hält. Manche Hunde nehmen das Futter auch, wenn sie beobachtet werden, aber mit einem "schlechten Gewissen", also deutlich zeigend, dass sie wissen, dass sie etwas Verbotenes tun.

Hunde wissen auch genau, bei wem sie betteln müssen: nämlich dem Menschen, der ihnen zugewandt ist und der seine Bemühungen auch sehen kann. Sitzen zwei Menschen dem Hund zugewandt an der gedeckten Tafel, jeder mit einem Tuch um den Kopf, dann bettelt der Hund bei dem, der das Tuch um die Stirn trägt, nicht um die Augen. Mit verbundenen Augen kann man seine Mahlzeit also von Fido unbehelligt zu sich nehmen. (Falls es nicht gelingt, ihm das Betteln abzugewöhnen…)

Auch wenn er jemandem einen Gegenstand bringen soll, legt er den bevorzugt in dessen Gesichtsfeld ab, wie Experimente gezeigt haben, bei denen der Empfänger in manchen Fällen dem Hund zugewandt war und in anderen mit dem Rücken zum Hund saß. Er weiß also auch, dass der Aff' "hinten keine Augen hat".

Der Hund erkennt also sehr wohl, ob und wann der Mensch ihn sehen kann. Er achtet sogar darauf, ob die Augen offen oder geschlossen sind, denn mit geschlossenen Augen kann der Aff' ja nix sehen. Eine erstaunliche Leistung, die Menschenaffen bisher im Experiment nicht gezeigt haben.

Versteht er, was er sieht?

Kaum.
Futter wird für den Hund sichtbar oder nicht sichtbar in einer Box deponiert. Der Hund kann das Futter erlangen, indem er einen Hebel betätigt. Er kann vorher überprüfen, in welcher Box sich das Futter befindet. In manchen Fällen sieht Fido, in welcher Box das Futter ist, in manchen nicht. Überprüfen kann er das immer. Aber Fido prüft nicht sondern entscheidet sich sofort für eine Box. Unabhängig davon, was er vorher beobachtet hat. Menschenaffen haben hier keine Probleme.

Lernen Hunde durch Beobachtung?

Hunde lösen Probleme schneller, wenn sie deren Lösung vorher beobachten konnten. Die Situation: Futter und Hund sind durch einen Zaun voneinander getrennt. Um an das Futter zu gelangen, muss der Hund um den Zaun herumlaufen. Es fällt Fido ziemlich schwer, dieses Problem alleine zu lösen.

Hunde, die irgendjemand dabei beobachten konnten, wie er um den Zaun zum Futter läuft, kommen viel schneller auf die Lösung. Dabei ist es egal, ob es sich bei "irgendjemand" Mensch, Hund oder Spielzeug handelt. Die Bewegung in der Nähe des Problems reicht für die Hunde aus, selbst eine Lösung zu entwickeln.

Sie lernen also nicht direkt durch Beobachtung und Imitation, sondern entwickelten eine eigene Strategie, auf die sie durch lokale Verstärkung kommen. Lokale Verstärkung ist ein Mechanismus, bei dem ein Tier seine Aufmerksamkeit und/oder Aktivität auf einen Ort richtet, an dem es zuvor etwas oder jemand beobachtet hat.

Verstehen Hunde kommunikative Zeichen?

Das klärte man in Objekt-Wahl-Test: In einem von zwei identischen Bechern wurde für den Hund unsichtbar eine Belohnung versteckt. Der Hund muss den richtigen Becher wählen. Vom Menschen erhält er einen deutlichen Hinweis: Er zeigt darauf. Und Hunde haben nicht die geringsten Schwierigkeiten, diese Zeigegesten zu verstehen, egal wie dezent sie auch ausfallen. Auch ein Blick genügt schon für die richtige Auswahl.

Wenn die Zeigegeste entfällt, nimmt der Hund das Futter nicht. Das zeigt, dass nicht der Geruch des Futters die Entscheidungshilfe ist, sondern die Geste des Menschen.

Diese Fähigkeit, menschliche kommunikative Gesten zu verstehen ist den Hunden angeboren. Hundewelpen, die ohne menschlichen Kontakt aufwuchsen verstehen sie immer noch besser als von Menschenhand aufgezogene Wölfe. Menschenaffen scheitern dagegen an der Aufgabe, kommunikative Gesten des Menschen zu deuten.

was versteht er von seiner Umwelt?

Objekt-Permanenz bezeichnet das Verstehen, das Dinge auch noch existieren, wenn man sie nicht sehen kann. Vor den Augen des Hundes wird eine Belohnung hinter einer von mehreren identischen Barrieren versteckt. Wo sucht der Hund? Hinter der richtigen. Für "Fortgeschrittene" legt man den Ball vor den Augen des Hundes in einen Behälter, verschwindet mit dem Behälter hinter einer Barriere, kehrt mit dem leeren Behälter zurück und zeigt ihn dem Hund. Auch das meistert Fido, aber er schneidet schlechter ab. Es ist schwer für ihn, nachzuvollziehen, wie versteckte Gegenstände für ihn unsichtbar bewegt werden. Er kann sich nicht vorstellen, wie der Ball aus dem Behälter hinter die Barriere gelegt wird.

Hängt man allerdings den leeren Behälter nach Versuchsende an den Nagel, einen Nagel in der Wand, statt ihn neben der Barriere abzustellen, kann man auch die bisherigen Versuchsergebnisse an den sprichwörtlichen hängen, denn nun versagen die Hunde plötzlich total.

Versteckt man etwas hinter einer von mehreren Barrieren, sucht der Hund alle ab, wenn er nicht weiß, wo die Belohnung versteckt ist. Aber - im Gegensatz zu Kleinkindern - wird er dabei immer entmutigter, wenn er an mehreren Stellen nix gefunden hat, weil er nicht verstanden hat, dass die Belohnung am letzten möglichen Ort sein muss.

Zahlen und Mengen

Wie wir wissen ist 1+1=2. Weiß Fido das auch? In einer Versuchsanordnung wurden den Hunden nacheinander ein Futterstück präsentiert, anschließend noch eines und abschließend das Ergebnis der kleinen Sammlung, allerdings mit gelegentlichen Rechenfehlern. Manchmal waren abschließend 3 oder nur 1 Futterstück statt der korrekten Anzahl 2 vorzufinden.

Wundern sich die Hunde?

Wenn Probanden nicht sprechen können, also zB Kleinkinder oder Tiere, nimmt man als Maß für die Verwunderung die Zeit, wie lange die ungewöhnliche Situation betrachtet wird. Ungewöhnliches wird länger betracht als Normales. Und in der Tat schienen die Hunde mit den Rechenergebnissen 1 bzw 3 nicht ganz einverstanden zu sein, was die Betrachtungszeit nahe legte.

Sprachverständnis

Für ein passives Sprachvermögen, also um Sprache verstehen zu können muss man selbst auch sprechen können, also über ein aktives Sprachvermögen verfügen, glaubte man lange.

Dann kam Rico, der berühmte Bordercollie, der über 200 Spielzeuge beim Namen kannte. Und er konnte noch mehr:

Wenn man zu seinen bekannten Spielzeugen ein neues, unbekanntes legte und ihm einen Begriff nannte, den er noch nie gehört hatte, und ihn bat, diesen zu bringen, brachte er ihn 7 von 10 Fällen das unbekannte Spielzeug.

In seinem Gehirn ist folgendes abgelaufen: Hier liegen Fritz, Fratz, Friederich und noch ein Ding. Ich soll den Kochlöffel holen. Dann wird das Ding wohl der Kochlöffel sein.

Diese Fähigkeit bezeichnet man als fast mapping – schnelle Zuordnung - und hat bisher geglaubt, dass nur der Mensch sie besitzt. Das Gehirn arbeitet dabei im Ausschlussverfahren, erbringt eigenständige Transferleistungen und lernt durch Einsicht. Kinder erwerben ihren Wortschatz nach diesem Prinzip. Und auch bei Fido klappt's, denn nach mehreren Wochen kann er sich immer noch an die Begriffe erinnern und ordnet sie (meist) richtig zu.

Wörter lernen mit der Model-Rival-Methode

Eine andere Methode, Hunden die Bedeutung von Begriffen beizubringen ist die Model-Rival-Methode, bei der der Hundeschüler nur passiver Beobachter ist. (Womit alle Verdachtsmomente, es könne sich doch irgendwie um Konditionierung handeln, ausgeräumt sind.)

Der Hund verfolgt dabei einen Dialog zwischen zwei Menschen und erschließt durch Beobachtung die Bedeutung von Objekten. Model-Rival-Methode nennt sich das deswegen, weil der Mensch einerseits das Vorbild ist, von dem man (hund) das Wissen abgreift, andererseits Konkurrent um den Besitz des begehrten Objekts.

Physik

Wenn man etwas fallen lässt, fällt es in gerader Linie auf den Boden. Stellt man mehrere Behälter auf und befindet sich über einem von ihnen ein Rohr, durch das man das Futter fallen lässt, sucht der Hund in der Schüssel. die sich unter dem Rohr aber auch in gerader Linie zum Ausgangspunkt des Futters, dem Einwurf, befindet. Er versteht also, dass das Futter in gerader Linie nach unten fällt.

Hält man die Röhre aber diagonal, wird er immer noch unter dem Einwurf suchen und nicht unter dem Ausgang, weil er nicht versteht, dass das Futter in der Röhre abgelenkt wird. Wenn er gelernt hat, dass das Futter nun nicht mehr geradlinig zu Boden fällt, entwickelt er eine Strategie, zB sucht er immer rechts von Einwurf, egal in welche Richtung die Röhre weist. Er hat's nur halb verstanden - und hat mit seiner Strategie statistisch betrachtet auch in 50% der Fälle Erfolg.

Die Wurst an der Schnur

Hunde lernen schnell, ein Stück Futter, das für sie unerreichbar, aber an einer Schnur befestigt ist mit Pfoten oder Schnauze zu erreichen. Legt man als Attrappe eine zweite Schnur dazu, haben die Hunde eine Wahlmöglichkeit und müssen entscheiden an welcher Schnur sie ziehen. Für die richtige Entscheidung müssen sie den Verlauf der Schnur verfolgen. Das tun sie aber nicht. Sie wählen immer das Ende, das dem Futter am nächsten ist, auch wenn die Schnüre gekreuzt sind.

Wenn Hunde etwas sehen, verstehen sie, dass es da ist. Verstehen sie das auch, wenn sie es nur hören, beispielsweise das Klappern von Futter in einer Dose?

Schüttelt man die Dose mit dem Futter, wählen die Hunde diese Dose. Schüttelt man dagegen die leere Dose, wählen die Hunde die leereDose. Sie verstehen also nicht den Zusammenhang zwischen Geräusch und Futter sondern vermuten einen sozialen Hinweis durch den Menschen. Menschenaffen haben hier keine Probleme.

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